Rundbrief Nr. 186 – Im Juni 2022

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Leserinnen und Leser!

Die Legendenreihe „Noah und seine Kinder“ hat Stefan Andres ursprünglich als Teil der Romantrilogie „Die Sintflut“ (1949/51/59) konzipiert. Sie wurde jedoch 1968 und wieder 1996 jeweils als Separatum veröffentlicht. Auf dieser Textgrundlage hat nun Armin Erlinghagen eine kritische Edition der Noah-Legenden vorgelegt.

Im ursprünglichen Romanganzen erfüllen die Noah-Legenden eine Parabelfunktion, indem sie in biblisch-mythischer Sprache vor allem die Hauptfiguren ohne Seitenverkehrung spiegeln.

Die von Armin Erlinghagen sorgfältig edierte und kommentierte Neuausgabe des Separatums erlaubt eine gründlichere und reichere Lektüre der nicht zuletzt auch politisch gemeinten Legenden mit ihren bewegenden Sittenbildern und tiefgreifenden Ereignisfolgen.

Nach wie vor gilt, was die Wiener Zeitung „Die Presse“ zu einer früheren Veröffentlichung schrieb: „Die unsere Zeit bewegenden Kräfte und Ideen, in weltlichen und religiösen Bereichen, werden in diesen Legenden deutlicher in ihrer menschlichen Problematik.“

Zur Veranschaulichung des Ringens um die Lebensfähigkeit einer menschlichen Gemeinschaft soll die Schilderung der Entstehung einer allgemeinen Gesetzgebung dienen. (Anhang 1)

Die Neuausgabe ist im Mai dieses Jahres im Wissenschaftlichen Verlag Trier (wvt) erschienen. Sie enthält neben dem Originaltext eine ausführliche Kommentierung und umfasst 360 Seiten. (Anhang 2)

– Mitglieder der StAG können den Band zum Sonderpreis von 27 € erwerben (Ladenpreis 45 €).

Für die Stefan-Andres-Gesellschaft mit freundlichen Grüßen

Ihr

Wolfgang Keil

Rundbrief Nr. 185 – Im Mai 2022

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Leserinnen und Leser!

In seinem West-Ost-Roman Die Dumme (1969) verarbeitet Stefan Andres Gedanken der Essaysammlung Verführtes Denken (1953) von Czesław Miłosz. Die Analyse der „Sklavenschaft des Geistes in totalitären Staaten“ (Karl Jaspers im Vorwort) des polnischen Nobelpreisträgers für Literatur von 1980 wurde von Stefan Andres bei der Lektüre mit zahlreichen Anmerkungen versehen.

Verführtes Denken führt ein in die Methode „Ketman“ (arab.: kitmān, Lippendienst), die gewohnheitsmäßige Camouflage, die nach Miłosz zum (Über-)Leben in den damaligen Volksdemokratien unabdingbar ist.

Wie Czesław Miłosz zeigt auch Stefan Andres, dass Tarnung und Maskierung auf die Dauer eine Bewusstseinsspaltung bewirken.

Ein bewährtes Verfahren, kulturelle Schmuggelware vor den Augen der Zensur zu verbergen, stellt Andres in seinem Roman vor, wenn die Hauptpersonen unerlaubte Literatur mit Umschlägen von unverdächtigen Klassikern verhüllen.

Dreißig Jahre später kann man in Thomas Brussigs Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee (1999) lesen, dass die jugendlichen Musikbegeisterten hinter der Berliner Mauer ihre verbotenen West-Schallplatten ebenfalls mit täuschenden Platten-Covers tarnen.

Mit seinem Roman Die Dumme exploriert Andres die politischen Verhältnisse seiner Zeit – und trifft die unsrige, insofern es um die Wirkung geistiger Mauern auf Bewusstsein und Alltagsmentalität geht.

Für die Stefan-Andres-Gesellschaft mit freundlichen Grüßen

Ihr

Wolfgang Keil

Anhang: Rundbrief Nr. 185 – Die Dumme

Rundbrief Nr. 179 – Im Januar 2022

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser!

In seiner Erzählung „Die beiden Pharaonen“ („Positano. Geschichten aus einer Stadt am Meer“, 1957) schildert Stefan Andres die Aktivitäten des Urlaubers Bouterwek, eines sehr deutschen Besuchers von Positano in prätouristischer Zeit. 

Der Mitteleuropäer Bouterwek hat sich vorgenommen, den südlichen Ort seiner von Nietzsches „Zarathustra“ beeinflussten kruden Allmachtsvorstellung zu unterwerfen und das verschlafene Nest dabei zugleich in die rational-wissenschaftlich orientierte Neuzeit zu katapultieren. Seine erste Tat besteht daher sowohl symbolisch als auch realiter in der Anpassung des malerischen Küstenortes an die allgemein gültige, zuverlässige und korrekte Zeitrechnung, die er mit der Reparatur der Uhr am Campanile des Doms von Positano herbeiführen lässt. Da er dies auf eigene Rechnung tut und weil sein weißer Anzug Respekt heischt, nennen ihn die Positanesen fast ehrfurchtsvoll „Signor Barone“.

In einem weiteren Modernisierungsschritt nimmt Bouterwek die hygienischen Verhältnisse des verträumt-säumigen Bergstädtchens in Angriff. Seine Kampagne gipfelt im Aufruf zu einer Impfaktion, von der vor allem die Kinder profitieren sollen. Das Echo ist nicht ganz ungeteilt.

Die von Andres verfolgte Erzählabsicht bringt es mit sich, dass die aktuell anmutende Impf-Episode zur anschaulichen Schilderung des Milieus und der unterschiedlichen Mentalitäten gerät. Dabei wahrt der „Lokalchronist“ eine ironisch-heitere Balance, mit der er – jegliche plumpe Parteinahme meidend – ebenso einfühlsam wie kritisch die beiderseitigen Vorstellungen und Belange austariert.

Für die Stefan-Andres-Gesellschaft mit freundlichen Grüßen und

                            mit den besten Wünschen für das Jahr 2022!

Ihr

Wolfgang Keil

Anhang: „Die beiden Pharaonen“ (Auszug) und ein aktueller Lektürehinweis.

Rundbrief Nr. 177 – Im November 2021

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Leserinnen und Leser!

Mit den Sittenbildern „Die Erben des Lebens“ (1943/4) und „Rom, im Jahre 1595“ (1940) hat sich Stefan Andres eines literarischen Mediums bedient, das zu einer kritischen Betrachtung der Zeitumstände im Rom des 16. Jahrhunderts auffordert. Die Manifestation des Niedergangs päpstlicher Gesittung und Gesinnung, offenbart im Exzess der Gewalt und im Verstoß gegen Jesu Abschiedsworte „ut omnes unum sint“, verbindet die bekenntnishaften Darstellungen. Deren thematische Nachbarschaft wird betont durch die gleich oder ähnlich lautenden Bezeichnungen der jeweiligen Handlungsträger.

In „Die Erben des Lebens“ schildert Andres, wie unter Papst Julius II. vor allem Adelige wegen ihres oft sehr freizügigen Lebenswandels hingerichtet werden. Der Geruch ihrer auf der Engelsbrücke zur Mahnung ausgestellten Leichen durchdringt das Geschehen.

In „Rom, im Jahre 1595“ (Auszug im Anhang) ist der Zerfall der Sitten so weit vorangeschritten, dass der Briefschreiber Ludovico seinem Freund Huosi im fernen Osten gestehen muss, Rom sei nicht mehr der Ort, von dem die mater ecclesia ihre christliche Botschaft ausstrahle. Trost und Hoffnung könnten nur noch aus Huosis eben erst missioniertem Land kommen. Rom dagegen liefere den Beweis, dass mit dem Schwert die Gewalt an die Stelle des Rechtes getreten und der Papst derart in diese Welt verstrickt sei, dass er in feiger Weise die Prinzipien einer christlichen Weltordnung verrate, indem er eine „unheilige“ Allianz mit verbrecherischen Aristokraten eingehe. 

Ludovico wird daher seine Reise in das Land der aufgehenden Sonne nicht mit dem Missionsorden der Societas Jesu antreten, sondern im Auftrag der päpstlichen Curie, die „bis an die Grenzen der Erde“ zu gehen bereit sein muss – jedoch paradoxerweise nicht, um dort die christliche Botschaft zu verkünden, sondern, um sich im fernen Asien überhaupt erst wieder ihres eigenen Glaubens und Heils zu vergewissern.

Stefan Andres: Die Erben des Lebens. In: Terrassen im Licht. Italienische Erzählungen. Hg. Dieter Richter. Göppingen 2009.

Stefan Andres: Rom, im Jahre 1595. Rom 1940. Ineditum. Typoskript im Archiv der Stefan-Andres-Gesellschaft Schweich.

Für die Stefan-Andres-Gesellschaft mit freundlichen Grüßen

Ihr

Wolfgang Keil

Anhang