Rundbrief
Rundbrief Nr. 38 – Im Juli 2010
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Leserinnen und Leser!
In der Jahresversammlung der StAG gedachten wir der vierzigsten Wiederkehr des Todestages von Stefan Andres. Es wurden zwei Dokumente verlesen, die an den schicksalhaften 29. Juni 1970 in Rom erinnern sollten (s. Anhang):
Der Brief von Dorothee Andres ist uns unlängst von der Familie des Germanisten Hans Bänziger für das StA-Archiv in Schweich übergeben worden. Das Dokument hat Vermächtnis-Charakter.
Die Schilderung der letzten Tage von Stefan Andres (s. Anhang) bildet den Schluss der Erinnerungen von Dorothee Andres: ” ‘Carpe Diem!’ Mein Leben mit Stefan Andres”, Bonn 2009.
Termine:
Opernsänger Franz Grundheber konnte für Andres-Lesungen in Schweich ( 8. Sept. 2010) und Trier ( 9. Sept.) gewonnen werden. Grundheber wird u.a. wiederentdeckte Texte von Stefan Andres rezitieren.
Vom 24.Sept.2010 (Vernissage) bis zum 22. Okt.2010 (Finissage) präsentieren G. Nicolin und Prof. Dr. Embach in der Stadtbibliothek Trier die Ausstellung “Stefan Andres - der Deutschrömer”.
Es wäre schön, wenn Sie sich diese Termine vormerken würden.
Im Namen des Vorstandes der StAG sende ich freundliche Grüße
Ihr Wolfgang Keil
Rundbrief Nr. 37 – 30.April 2010
Sehr geehrte Damen und Herren,
Emil Angel ist ein mehrfach ausgezeichneter Luxemburger Autor und aktives Mitglied der Stefan-Andres-Gesellschaft.
Nun ist von ihm eine zweisprachige Glossensammlung erschienen mit dem Doppeltitel ”Von Hippches op Haapches / Vom Hundertsten ins Tausendste”.
(Das unterhaltsame und nachdenkliche Buch ist der erste Band der Reihe “Hüben & Drüben / Des Säit & Déi Säit”. Die Reihe hat das Ziel, die
Gemeinsamkeiten und Unterschiede diesseits und jenseits der deutsch-luxemburgischen Grenze kulturell zu explorieren und literarisch zu exponieren.)
Mit dem Autor Emil Angel laden wir ein zu einer Lesung seiner scharfsinnigen und humorvollen Glossen für Freitag, den 7. Mai (17.00 Uhr), in den Niederprümer Hof in Schweich.
Als “Zugabe” wird bei einem Glas Wein der Kurzfilm “Den Tömpel” von Emil Angel zu sehen sein..
Wir würden uns freuen, Sie zu dieser letzebuergesch-däitschen Lesung begrüßen zu können. Der Eintritt ist frei.
Für die StAG mit freundlichen Grüßen
Ihr Wolfgang Keil
S. Anhang:
Dass auch Stefan Andres viel mit Luxemburg verband, erfahren wir von seiner Frau Dorothee Andres in ihrem Erinnerungswerk “‘Carpe Diem!’ Mein Leben
mit Stefan Andres”. Viel Vergnügen auch bei dieser Lektüre!
Der folgende Auszug schildert eine Fahrt des Ehepaares Andres von Trier ins Nachbarland Luxemburg. Die Passage findet sich im Kapitel „1948“ des 2009 veröffentlichten Bandes „’Carpe Diem!’ Mein Leben mit Stefan Andres“ aus der Feder von Dorothee Andres, der Frau des Schriftstellers.
In der Schilderung der Fahrt über die Grenze zeigt sich das „Hüben und Drüben“ in der Unterschiedlichkeit der Lebensverhältnisse. Im Nachkriegsdeutschland erschien den deutschen Bewohnern der Grenzregion Luxemburg geradezu als das „Gelobte Land“:
1948
… Für die Fahrt ins „Ländchen“, wie dieser kleine Staat liebevoll genannt wurde, bekamen wir wieder, aber natürlich nur bis zur Grenze, das Auto des Oberbürgermeisters mit Chauffeur. Alle Brücken waren zerstört und noch nicht wieder aufgebaut worden. Wir wurden an der hölzernen Notbrücke ausgeladen. Die dreierlei Grenzbeamten schüttelten ihre Köpfe über unsere Ausweise vom Schweizer Roten Kreuz. Das waren der deutsche Grenzschutz, die französischen Besatzungssoldaten und auf der anderen Seite die Luxemburger Grenzpolizisten. Dort erwartete uns „Onkel Alfons“, der Leiter des Gymnasiumsinternats. Er hatte die Jungen ein Willkommenslied einstudieren lassen, sie waren alle auf der Freitreppe postiert.
Der Tag des großen Wiedersehens! Endlich trafen wir auch Pierre Elcheroth wieder, der unsere Bice 1934 in Köln getauft hatte und im Jahre 1938 für uns Geld aus Luxemburg nach Paris geschmuggelt hatte, als Andres dorthin ziehen wollte, aber von bereits dort weilenden Emigranten beschworen wurde, den Zufluchtsort Positano nicht aufzugeben. Abends waren wir beim dritten Freund eingeladen. Auch er servierte uns, wie bereits mittags Pierre, Forellen. Und da wir alle mehr als beschwingt waren, in Luxemburg reichte man zum Kaffee „Quetsch“, Pflaumenschnaps, sagte Andres: „Mit uns ausgehungerten Deutschen könnt ihr das machen!“ der Erfolg war, wann immer wir in den folgenden Jahren in Luxemburg weilten, und das war häufig, gab es überall für uns stets Forellen … Bis Mitternacht mussten wir in Deutschland zurück sein. …
Und wie eine Bestätigung dieser Sicht und der guten Beziehungen zum Nachbarland liest sich auch der Anfang des folgenden Kapitels:
1954
In Luxemburg sollte zum ersten Mal nach dem Krieg ein Theater aus Deutschland gastieren; bisher gab es nur Aufführungen aus Paris. Man hatte „Gottes Utopia“ ausgewählt und beim Autor angefragt, zu welcher Bühnenfassung er rate. Er wählte die Inszenierung aus Krefeld. In dem Stück gibt es keine Frauenrolle, die Stimmen der Nonnen waren in einem Kölner Kloster auf Band aufgenommen worden. Als die Krefelder Schauspielerinnen von der Einladung ihrer Kollegen hörten, bestürmten sie den Intendanten, sie mitzunehmen. Er gab nach, und so standen zum ersten Mal in diesem Stück Nonnen auf der Bühne, die Gustaf Gründgens in der Düsseldorfer Fassung ganz bewusst gestrichen hatte.
Nach der Vorstellung gab es eine Einladung beim ersten deutschen Gesandten; alle waren angeregt, sodass sich der Abend lange hinzog. Gegen Morgen fragte mich ein Journalist, der keinen Tropfen trank, woran der Autor zurzeit arbeite. Anstatt ihm vom geplanten Roman „Reise nach Portiuncula“ zu berichten, zitierte ich den launigen Ausspruch einer Bekannten: „Ja, nach dem Knaben im Brunnen kommt nun wohl der Mann am Fass … Das stand dann am nächsten Tag in seiner Zeitung: ‚wie wir von der Frau des Autors erfuhren …’
Rundbrief Nr. 36 – Ostergrüße 2010
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser!
Seit einigen Wochen verfügt das Archiv des Stefan-Andres-Museums im Niederprümer Hof in Schweich über Originale und Kopien eines ausgedehnten Briefwechsels von Stefan und Dorothee Andres mit dem bekannten Schweizer Germanisten Hans Bänziger.
Die Gabe versetzt uns in die Lage, vieles von dem wiederzuentdecken und zu ergänzen, was wir in “Carpe Diem!”, den Erinnerungen von Dorothee Andres, erfahren haben.
Mit den Worten von Dorothee und Stefan Andres zur Osterzeit im Jahre 1945 verbinden wir unsere besten Wünsche zum Osterfest 2010.
Im Namen des Vorstands der Stefan-Andres-Gesellschaft grüßt Sie
Ihr
Wolfgang Keil
Ostern in Positano gegen Ende des Krieges, wie die Frau des Schriftstellers es in ihren Erinnerungen unter der Kapitelüberschrift „1945“ festgehalten hat:
„… Ostern fiel dieses Jahr auf den ersten April, Stefan schrieb am Ostermorgen das letzte Gedicht aus dem Requiem für ein Kind. Wir machten den Osterspaziergang auf den Monte Pertuso, die Stille und der Friede an diesem Ort waren wie ein Traum, denn die Kämpfe an den Fronten gingen weiter. …“
Dorothee Andres: „Carpe Diem!“ Mein Leben mit Stefan Andres, Bouvier Verlag, Bonn 2009
Das erwähnte Gedicht aus der Sequenz, die Stefan Andres anlässlich des Todes des ältesten Töchterchens verfasste.
Requiem für ein Kind
XXII
Und wieder ist’s, daß mich der Mandelbaum
Gemahnt an deiner Wangen zartes Glühn
Und an dein bäumchenstilles , kurzes Blühn –
Und tiefer tauch’ ich in des Frühlings Schaum.
Mein Auge schwimmt; ergossen wie das Licht,
Bleib ich dir, Mädchen, gläubig auf der Spur.
Wer je den Tod als Herbst und Raub erfuhr,
Sieht auch der Frühlingsgöttin ins Gesicht.
Doch erst muß ich verstehn mit fester Hand,
Wie Kinder tun, zu pflücken mir den Glanz
Vom Beet der Zeit, als wär er stets und ganz
Wie heute da, auch dann noch, wenn er schwand.
Heb du mir, Flücht’ge, dann dein Augenlid,
Weiß ich, woher – wohin der Frühling zieht.
Rundbrief Nr. 35 – Februar 2010
Liebe Leserinnen und Leser!
Die Vorstellung des Erzählbandes „Terrassen im Licht. Italienische Erzählungen“ von Stefan Andres (Hrsg. D. Richter – 2009) am Anfang dieses Monats hat eine erfreuliche Resonanz gefunden.
Die nächste Präsentation gilt der Glossensammlung „Von Hippches op Haapches“ aus der Feder unseres Mitglieds E. Angel. Reizvolle literarische Momentaufnahmen aus dem Alltag unseres Nachbarlandes werden Ende März im Niederprümer Hof in Schweich vom Autor in luxemburgischer und deutscher Sprache vorgetragen. (Genauere Angaben folgen.)
Jetzt schon möchten wir eine Veranstaltung ankündigen, die vom 10. bis 12. Mai an der Kath. Akademie stattfinden wird zu dem Thema „Heimatsuche(r) – Regionale Identität und politisches Engagement bei Clara Viebig, Stefan Andres und Barbara Honigmann“.
In der Kooperationsveranstaltung der Kath. Akademie mit der Universität Trier, dem Institut für Lehrerfort- und Weiterbildung, der Landeszentrale für politische Bildung Mainz, der Stefan-Andres-Gesellschaft und der Clara-Viebig-Gesellschaft werden zu Einzelaspekten referieren:
Barbara Honigmann, Dr. Elisa Müller-Adams, Prof. Dr. Georg. Guntermann und Peter Krämer.
Anmeldungen bis zum 14. April bei: anmeldung.kat@bistum-trier.de
Stefan Andres zur Fastnacht
Im Anhang finden Sie einen Zusammenschnitt aus der Novelle „Die Vermummten“ – jetzt wieder veröffentlicht in: „Gäste im Paradies. Moselländische Novellen“ von Stefan Andres (Hrsg. H. Wagener – 2008).
Der Auszug liefert ein Beispiel für Andres’ Kunst, aus der scheinbaren Idylle das Grauen herausspringen zu lassen, wie das z. B. auch in „Die Reise nach Portiuncula“, „Der Mann von Asteri“ und in seinem Großwerk „Die Sintflut“ zu beobachten ist.
In der Novelle ist es die wurmige Vermummung, die aus Menschen Monster zu machen vermag.
– am Aschermittwoch zu lesen
Die Vermummten
Nach allgemeinem dörflichem Brauch pflegte man früher im Trierer Land – wie auch anderswo – die Fastnachtsfreuden auf die drei Tage vor Aschermittwoch zusammenzudrängen, vielleicht aus dem Gefühl, dass durch die Häufung von selber Maß und Grenzen sich ergäben: denn wer am Sonntag übertrieb, musste den Montag überschlagen; der Fastnachtsdienstag aber war ein sehr zwiespältiger Gast und einem Tänzer von auswärts zu vergleichen, einem Burschen, der zuerst sich toll gebärdet und dann heimlich in der Nacht sich davonmacht.
…
Und dann kamen zur Türe herein die vermummten Burschen, die Faoßbocken, die von Haus zu Haus lärmten und überall Eintritt erhielten. Sie aßen aus der Schüssel mit eiligen Händen, dunsteten von Wein und bekamen noch ein Glas hinzu oder auch nur Viez, dort nämlich, wo man allein den Apfel-wein kelterte. Und sie scherzten täppisch mit verstellten Stimmen mit den Töchtern, die ihnen die Maskentücher zu lüpfen versuchten, bis endlich der Vater oder der Haus-Petter die lärmenden Gesellen langsam mit der Türe auf die Straße schob.
Dieses Ausschwirren der Faoßbocken, das heute in dieser Landschaft mehr und mehr ein Vorrecht der Jugend geworden ist, fand in dem kleinen Ort Bovisdorf in den achtziger Jahren einen jähen Abschluss infolge einer Begebenheit, deren Auswirkungen den uralten Brauch in Verruf brachten.
Es war nämlich am Fastnachtsdienstag geschehen, dass der siebenjährige Junge des damaligen Ortsvorstehers von zwei Masken derart erschreckt wurde, dass er den Verstand verlor; und der Vitus war der Sohn des reichen Ochsenkanzlers, wie man seinen Vater mit dem dörflichen Beinamen nannte.
…
In Köverich wusste man bereits von dem Unglück; und man sagte: der Vitus habe den Veitstanz, und die Leute wunderten sich darüber: wie ein Veit vom hl. Veit nicht besser in Schutz genommen sei. In Detzem wusste es noch niemand, und das tat Nikla leid; denn nun war er genötigt, selber vom Vitus und den Faoßbocken zu berichten. Denn wäre das noch ein Müller von echtem Schrot und Korn, wenn er eine so mundgerechte Fracht der Neuigkeit nicht obenauf in seinem Sacke trüge? Ja, die Leute würden sogar einander fragen, morgen oder übermorgen, wenn sie es erführen: warum wollte der Nikla nichts vom Unglück des Ochsenkanzlers erzählen? Ging es dem Nikla nicht nahe – oder zu nahe? Und wissen musste es der Müller des Ochsenkanzlers; – denn ein Müller weiß alles, er schaut in den heimlichsten Backtrog hinein.
Nun ja –, viel wusste er nicht; nur, dass der kleine Junge vom Ochsenkanzler so etwas wie einen Anfall bekommen hatte. In der Nacht – vielmehr im Dämmer – hinter dem Holzstoß – hatte der Vitus plötzlich Gespenster gesehen – ja, ja! Und es waren ihrer zwei, und die nahmen sich aus wie große Würmer. Würmer mir Füßen – die Cari sah sie weglaufen, – aber das war wohl sicher nur Aufregung! Gott, ja Kinder im Alter von sieben Jahren können auf allerlei Einfälle kommen, und sie sehen den Himmel und die Hölle offen –, der arme Vitus! – und auch die arme Cari, das geht ihr wohl nahe. – So erzählte Nikla, wo man es hören wollte: in Detzem, in Törnich, in Klüsserath.
…
Er schritt neben dem Wagen her, die Leine in der Linken; mit der Rechten hielt er sich an der Runge und ließ sich ein wenig ziehen. „Auf jeden Fall: weg damit!“ rief er plötzlich laut, dass die Pferde die Köpfe hoben und für ein paar Schritte strenger ins Geschirr gingen. Ja, weg damit! Das war nun seit gestern abend sein einziger Gedanke, der immer da war, so dass Nikla ihn schon gar nicht mehr merkte. Das Wurmkostüm, dieses gepolsterte, braunglänzende Wulstgewand, mit dem ekelhaft schlep-penden Schwanz, diese zwei Wurmkostüme – weg damit!
Nikla musste über sich selber den Kopf schütteln: zwei Taler hatte dieser Unfug gekostet, dieser jämmerliche Unfug; weil der Stoff feuerfest sei, hatte der Hausierer gesagt und ein Streichholz an das Zeug gehalten. Zwei Taler! – Aber das hatten sie vielleicht nur deshalb bezahlt, weil sie so ein Zeug noch nie gesehen hatten, weil man da hineinschlüpfen konnte und so grässlich aussah, dass der Hanni vor ihm und er vor dem Hanni, als sie sich beide im Garten hinter der Scheuer des Dusemonter Michel angezogen hatten, zurückwich, so dass sie sich erst mit ihren halberstickten Stimmen brüderlich anlocken mussten.
Und in solchem Anzug geht man dann vor die Tür des Ochsenkanzlers …
(in: Gäste im Paradies. Moselländische Novellen, Wallstein Verlag, 2008)